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Nachruf auf Werner Kniep (†87)

 

7. Oktober 2015, Gernot Häntschel

 

Er war schon da, als wir zum ersten Mal den Titel verspielten. Aber in dem Moment achtete keiner von uns auf den kleinen, rundlich wirkenden Mann mit der hohen Stirn, der in der Seestraße auf der Seite hinter dem Stecktor schweigend auf der Bank saß und beobachtete, wie wir innerhalb von zwei Minuten die Goldmedaille und damit den Titel "Deutscher B-Jugendmeister 1990" aus der Hand gaben, am Ende Dritter wurden.

 

Zugegeben, welchen 14- oder 15-Jährigen interessiert das schon? Klar, wir wussten, dass Herr Reimann nach der Endrunde im Oktober 1990 als Trainer aufhören wird. Aber wer dann auf ihn folgt, war in dem Moment zunächst nicht so wichtig.

 

Als alle Tränen in der Woche danach getrocknet waren und wir uns in der Seestraße erneut trafen, um ihn kennenzulernen, war eine der Fragen von Werner Kniep an uns: „Männer, was wollt ihr in der kommenden Saison erreichen?“ Wir antworteten: "Wir wollen Deutscher Meister werden."

 

Und dann ging es los. Bei Werner Kniep gingen wir durch die "Grundschule des Wasserballs".

 

"Ich kann die beste Taktik haben. Aber wenn ich nicht schwimmen, wassertreten, fangen und werfen kann, ist alles für die Katz."

 

Einer der einfachen, aber wahren Leitsprüche von Herrn Kniep. "Es war ja früher nicht alles schlecht, was wir gemacht haben“, fügte er meist noch an.

 

Früher, das war Knieps Zeit als Spitzentrainer beim SC Magdeburg, Dynamo Berlin und der DDR-Nationalmannschaft, die er bis Olympia 1968 betreute. Dann wurde der Sport in der DDR als nicht mehr förderungswürdig eingestuft. Doch Herr Kniep war überzeugt von seinen alten Trainingsplänen. Und so wurde trainiert. Im Zusammenspiel mit „der Leitung“ (so bezeichnete er stets die Vereinsführung um Norbert Wudke) wurden Wasserflächen in ganz Berlin besorgt. Zeitweise trainierten wir an fünf Wochentagen an fünf verschiedenen Orten.

 

Die gewünschten und erträumten Ergebnisse stellten sich bald ein: Im Frühjahr 1991 wurde die Mannschaft des Jahrgangs 1976/77 erstmals Berliner Meister in der B-Jugend. Im Vergleich zum deutschen Titel ein kleiner Erfolg, aber für uns damals eine Sensation, hatten wir doch in den Vorjahren gegenüber Spandau stets das Nachsehen gehabt.

Auch im Umfeld des Klubs wich die anfängliche Skepsis gegenüber Herrn Kniep in Begeisterung und Unterstützung. Weil viele erkannten, was dieser Mann bewegen konnte bei einem kleinen Verein wie dem SC Wedding.

 

Was Herrn Kniep auszeichnete, war die Erziehung seiner Spieler zur Eigenständigkeit. „Was soll ich am Beckenrand rumbrüllen und mich aufführen wie ein Verrückter? Die im Wasser hören mich doch sowieso nicht richtig. In bestimmten Situationen müssen die Spieler selbst und schnell entscheiden, was richtig oder falsch ist“, sagte er immer wieder.

 

Die SCW-Spielergeneration von damals wurde so nachhaltig charakterlich geprägt.

 

Mit seiner unkomplizierten, klaren Ansprache riss Herr Kniep alle mit. Die meisten Sportler waren bereit, mehr zu tun und zu trainieren, um die angestrebten Ziele zu erreichen. Unvergessen der erste Stundentest. Oder die Spiele im Mittelmeer auf Malta gegen Männerteams 1994.

 

Analysen von Turnieren oder Saisonabschnitten, Rückblicke, Ausblicke, Jahrespläne, alles auf Schreibmaschine geschrieben und teilweise auf Butterbrotpapier den Spielern ausgehändigt – Herr Kniep besaß keinen Computer. Dafür eine heute seltene Eigenschaft von im Sport tätigen Personen: die Fähigkeit zur Selbstkritik.

Nach einer verpassten Meisterschaft sagte er stets: „Ich muss mich erstmal selbst fragen, was ich falsch gemacht habe. Warum habe ich es nicht geschafft, euch zum Meister zu machen?“

 

„Das ist doch Asbach!“

 

„Vorne der Fehler, hinten das Tor. So ist das im Wasserball."

 

„Die Wölfe heulen, doch die Karawane zieht weiter.“

 

„Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und wer gegen uns ist, wird vernichtet.“

 

Noch vier solcher Sprüche, die wir immer und immer wieder zu hören bekamen. Am Ende seiner Tätigkeit als Trainer 2003 standen drei deutsche Meistertitel bei der A-Jugend (1994, 1998, 2002). Anschließend wirkte Herr Kniep als Lehrwart im Berliner Schwimm-Verband, wo er für die Aus- und Fortbildung der Trainer im Wasserballbereich tätig war.

 

Unter ihm trainierten beim SC Wedding Jugend-Nationalspieler, spätere Bundesliga- und Nationalspieler, sowie Olympia-Teilnehmer. Mit Matthias Lorenz und Stefan Tschierschky hatte der SCW zwei Trainer des Bundesliga-Teams, die unter Werner Kniep als Jugendliche Wasserball spielten.

 

Jetzt ist Herr Kniep nach langer Krankheit im Alter von 87 Jahren gestorben.

Die Nachricht seines Todes erreichte mich auf Malta. Beim Wasserball. Also dort, wo im Sommer 1994 der Grundstein für den ersten deutschen Meistertitel im Jugendwasserball beim SC Wedding gelegt wurde.

 

 

Die Weddinger Trainerlegende Werner Kniep im Jahr 2000.

 

Foto: SC Wedding 1929 e.V.

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